Die Stimme des Hauses

Karin Strauß

ISBN 978-3-942796-11-8
€   14,50


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Die Stimme des Hauses

Karin Strauß

Leseprobe

In der Anzeige war zu lesen: Haus mit angenehmer Stimme zu verkaufen. Es lag am Stadtrand, war nicht sehr groß und hatte einen schönen kleinen Garten. Und tatsächlich, die Stimme war sehr angenehm. Es war eine männliche Stimme. Sie war mir schon bei der ersten Besichtigung aufgefallen.

»Wie schön, dass du dich für mich entschieden hast! Ich heiße dich herzlich willkommen!« sagte das Haus, als ich mit den Möbelpackern ankam. »Ich wünschte, ich könnte mit anpacken, aber ich kann dir leider nur meine Räume zur Verfügung stellen.«

»Danke, das geht schon in Ordnung«, antwortete ich in die noch hallenden leeren Räume hinein.

»Du bist sehr freundlich«, sagte das Haus. »Ich denke, wir werden gut miteinander auskommen.«

»Das glaube ich auch«, antwortete ich. Und war fest davon überzeugt.

Das Haus gab mir Tipps, wie ich die Möbel aufstellen könne. Wo sich die Anschlüsse für Strom, Wasser und Kommunikation befanden. Wo die Gartengeräte aufbewahrt werden könnten. Aber es war nicht rechthaberisch und lobte meine eigenen Ideen.

»Was für schöne Vorhänge du ausgewählt hast!«

Ich fühlte einen Gedanken kommen, der zu einer Frage geführt hätte, die ich im Moment nicht stellen wollte, so dass ich ihn verdrängte. Das war mir in diesem Augenblick nur halb bewusst; ich erinnerte mich jedoch später an dieses Gefühl.

Wenn ich in der Küche stand, machte das Haus Vorschläge, was ich kochen könnte. Und erinnerte mich an anstehende Einkäufe. Es weckte mich in der Früh.

»Guten Morgen, liebe Florina«, sagte es. »Du wolltest um diese Zeit aufstehen. Bist du bereit oder möchtest du noch ein wenig schlummern?«

Und es brachte mich zu Bett.
»Soll ich dir eine Gutenachtgeschichte vorlesen?«
Meist bejahte ich. Es kannte bald meinen literarischen Geschmack. Und las mir vor, bis ich einschlief.
»Wie soll ich dich nennen?« fragte ich.
Das Haus gab keine Antwort. Das war noch nie vorgekommen.
»Hallo? Bist du da?«
»Ich bin da, liebe Florina«, sagte das Haus ruhig.
»Darf ich dich Nous nennen?« fragte ich.
»Aber gerne«, erwiderte das Haus. »Ich danke dir, dass du mir diesen schönen Namen gibst.«
Einmal kam ich sehr aufgewühlt von der Arbeit nach Hause. Eine Kollegin hatte schon lange gegen mich intrigiert, aber ich hatte es erst an diesem Tag bemerkt. Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, traten mir die Tränen in die Augen.

»Guten Abend, Florina«, sagte Nous. »Wie geht es dir heute?«
»Siehst du nicht, dass es mir schlecht geht?!« erwiderte ich wütend.
»Wie kann ich dich trösten?« fragte Nous.

Da sprudelte es aus mir heraus. Ich erzählte, welche Fehler die Kollegin gemacht und wie sie sie mir untergeschoben hatte. Nous hörte zu und gab mir in allem Recht.

»Vielleicht solltest du heute Abend noch eine Freundin kontaktieren und dich aussprechen?« schlug er vor.

Aber ich war zu müde und wollte niemanden damit belasten.

An diesem Abend las er mir eine besonders schöne Geschichte vor. Es war eine Liebesgeschichte, und sie ging nach einigen Wirren gut aus. Ich schlief zufrieden ein.

Ich besuchte meine alte Mutter im Nachbarort. Sie wurde von »Monsieur Rostbolz« versorgt, wie sie ihren Pflegeroboter nannte. Er rostete nicht wirklich, aber er war ein älteres Modell und sah schon recht mitgenommen aus. Seine Stimme schnarrte unangenehm. Ich erzählte ihr von meinem neuen Haus und von Nous.

Und als ich von ihm erzählte, schuf ich ihn in meinen Gedanken und Gefühlen neu, denn ich nahm ihn nicht einfach nur dankbar hin, sondern interpretierte ihn für sie und mehr noch für mich. Und ich dachte darüber nach, welche Eigenschaften eine Stimme verraten konnte. Nous´ Stimme war die eines älteren Mannes. Eines ruhigen, überlegten Mannes mit Erfahrung und Selbstbewusstsein. Die Stimme schien aus einem Körper zu kommen, der mit sich im Reinen war. Die Stimme verriet Anteilnahme und … ja: Zärtlichkeit.

»Du hast ´ne Schraube locker!« sagte meine Mutter und gab Monsieur Rostbolz einen leichten Tritt, dass er stolperte und leise schepperte.

Er fing sich wieder und stellte sich stumm in eine Ecke. Meine Mutter pflegte einen originellen Umgang mit sprechenden Maschinen. In ihrer Jugend, als es noch keine Roboter und Hausstimmen gegeben hatte, versuchte sie manchmal, das Navigationssystem ihres Wagens zu ärgern, indem sie absichtlich falsch fuhr. Das hatte mir meine Tante erzählt. Und sie glaubte tatsächlich, bei der zehnten Ansage »Neuberechnung« so etwas wie einen genervten Unterton festzustellen, was sie zutiefst befriedigte. Mein Vater hatte eine weibliche Stimme eingestellt, denn die Vorstellung, dass ein anderer Mann seiner Frau sagte, wo es lang ging, irritierte ihn.

Meine Mutter, die schon lange Witwe war, litt unter einer Art Quartals-Demenz: Phasen von Verwirrung wurden von Zeiten halbwegs klaren Denkens abgelöst. Eine Sozialarbeiterin hatte ihr einmal einen Kuschelroboter in Form eines plüschigen Robbenbabys mit Kulleraugen und Quäkstimme gebracht – ein Gerät, das sich bei Alzheimerpatienten sehr bewährt hatte. Meine Mutter versah das Ding beim ersten Augenaufschlag mit einem Boxhieb, und als es zaghaft Laut gab, mit einem Tritt, der es quer durch den Raum beförderte.

Zu Hause wurde ich von Nous herzlich empfangen.
»Du siehst heute wundervoll aus!« sagte er. »Das Kleid steht dir sehr gut!«
Und da erinnerte ich mich an das Gefühl, das mich ein wenig beunruhigt hatte, und das immer mal wieder hochgekommen war: Nous konnte mich nicht sehen. Ich trug meinen Netzoverall. Und dann tat ich etwas, was ich mir bis heute nicht verzeihe: Ich stellte ihn auf die Probe.
»Nicht wahr, das Blau hat etwas Duftiges, Leichtes?«
»Ja, Florina, ein wundervolles Blau!« sagte Nous.
Ich trug kein einziges blaues Kleidungsstück an diesem Tag.

Ich weiß nicht warum, aber in diesem Augenblick kamen mir die Tränen. ...

 

 

 

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