Entscheidung in den Bayous

Michael Romahn
ISBN 978-3-9812497-1-2
€   14,50
 

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Leseprobe Entscheidung in den Bayous
 

Erstes Kapitel

 

***

 

Chihuahua, Mexiko

 

Im El Paraíso gab es keinen freien Platz mehr, wie an jedem Sommerabend. Die Gäste wippten mit den Füßen im Rhythmus der Ranchera-Musik und tranken Bier oder einen von Ramóns mörderischen Cocktails. Der Mann, der María unentwegt anstarrte, saß allein am Tisch, einen Cuba Libre und eine Packung filterloser Zigaretten vor sich. María hatte ihn schon öfter hier gesehen. Sie schätzte ihn auf Anfang fünfzig. Er hatte silbergraues, streng zurückgekämmtes Haar und trug einen sandfarbenen Anzug. Zwei- oder dreimal in der Woche hockte er immer an demselben Tisch, spielte mit seinem protzigen Siegelring am Mittelfinger der linken Hand und starrte sie an.

María kehrte mit einem flauen Gefühl im Magen zum Tresen zurück, stellte das Tablett ab und zog Ramón zur Seite. »¿De dónde viene

Ramón zuckte mit den Schultern. »Ni idea. Keine Ahnung, woher er kommt. Ich weiß nur, dass er Manuel Hernández heißt und von seinem Vater eine Hacienda geerbt hat. Seitdem tut er so, als gehöre ihm die Welt. Er hat immer einen Haufen Dollarscheine in der Tasche, mit denen er um sich wirft.«

»Ich hasse es, wie er mich anstarrt! Er macht mir Angst, Ramón.«

»Ich bin in deiner Nähe, María.« Obwohl er es versprach, wuchs Marías Unruhe. Plötzlich hob der Mann die Hand in Ramóns Richtung.

»Einen Cuba-Libre und einen Margarita, por favour!« Als María an seinem Tisch erschien, empfing er sie mit einem Lächeln. »Ich darf Sie doch zu einem Drink einladen?« Seine Stimme klang hart und fordernd. »Ich nehme an, Sie trinken lieber einen Margarita, als dieses Zeug hier!«

María zwang sich, höflich zu bleiben.

»Muchas gracias, aber es ist uns nicht gestattet, von Gästen etwas anzunehmen.« Sie hielt ihre Hände auf dem Rücken, damit er ihr Zittern nicht bemerkte. Hernández zeigte keine Regung. Er starrte sie mit einem genüsslichen Grinsen an. »Schade, vielleicht ein anderes Mal«, sagte er und blies Rauch in ihre Richtung.

María schlug die Augen nieder, atmete tief durch: »Lo siento mucho, Señor, aber ich muss mich jetzt um die anderen Gäste kümmern.«

María eilte zwischen den Tischen hindurch zu Ramón und warf ihm einen genervten Blick zu.

»Alles in Ordnung?« fragte er.

»Si, muy bien

Ramón legte seine Hand auf ihre Schulter. »¿de veras

»Ja, wirklich, Ramón!« Sie biss die Zähne zusammen.

»Ich habe noch mindestens vier Stunden Arbeit vor mir! Also gib mir jetzt die Getränke!«

»Está bien, está bien. Entschuldige, dass ich gefragt habe.«

»Es tut mir Leid, Ramón, ich habe Kopfschmerzen, die Beine tun mir weh, mir geht’s heute nicht besonders.«

Seit fast zwei Jahren arbeitete sie für Ramón. Zwei Jahre, in denen sie mehr Geld verdiente, als sie in ihrem Leben je gesehen hatte. Doch seit sie in Chihuahua war, reihten sich die Tage und Nächte, so vorhersehbar aneinander, dass sich selbst ihre Träume im Nichts verloren. Dabei konnte sich María nicht beklagen. Sie hatte Arbeit, was in dieser Region ein seltenes Privileg war und Ramón behandelte sie gut. Sie wohnte in einer kleinen Einzimmerwohnung am Stadtrand von Chihuahua. Ihr Reich bestand aus einem quadratischen Raum mit einer Kochnische und einem winzigen Bad. Das Bett war mit einem Vorhang vom Wohnzimmer abgegrenzt.

An den wenigen freien Tagen, fuhr sie zu ihren Eltern, die in einem weiß getünchten Bauernhaus an den Ausläufern der Cerro Chorreras wohnten. Das Dorf war umgeben von steinigem Land; nur vereinzelte Mesquite- und Yuccabäume sowie halbvertrocknetes Gras trotzten der sengenden Sonne.

Fast alle jungen Leute waren fort gegangen, die Alten blieben starrköpfig auf ihren Stühlen und Bänken vor den Häusern zurück. Männer und Frauen, deren Gesichter von der brennenden Sonne zerfurcht  und vom täglichen Überlebenskampf müde geworden waren. Ihre Seelen waren ausgebrannt, zermürbt von der wiederkehrenden Dürre und den mageren Ernten. Inmitten des staubigen Marktplatzes befand sich ein Brunnen, der in den Sommermonaten nicht einen Tropfen Wasser hergab. Aber er war der Treffpunkt jener, die von der fernen Welt träumten.

Marías Blick fiel auf die Schiefertafel, die über dem Tresen hing.

Los Sueños han de creerse!‹ stand dort geschrieben; ›Man muss an seine Träume glauben!‹ María sah zu Ramón. »Hast du einen Traum, an den du glaubst?«

»Ja!«, antwortete er, ohne zu überlegen. »Ich werde eines Tages eine kleine Farm kaufen und Pferde züchten. Schöne, elegante Pferde.« Während er sprach, mixte er vier Cuba Libre, und stellte sie auf den Tresen.

»Mein Vater hat früher welche besessen, doch als er starb, war die Farm so hoch verschuldet, dass nach dem Verkauf nicht ein Peso übrig blieb. Und du, María? Wovon träumst du?«

Sie deutete mit einer knappen Kopfbewegung zu Hernández, der immer noch in ihre Richtung starrte. »Mir würde es im Moment schon reichen, wenn ich solche borachos nicht mehr bedienen müsste! Also, wenn du später einmal einen Stallburschen brauchst, dann denk bitte an mich.«

»Wird gemacht, Señora!«

***

Marías Eltern kamen aus ärmlichen Verhältnissen. Ihr Vater hatte bis zu seinem Schlaganfall vor zwei Jahren auf dem Feld gearbeitet, doch das Geld reichte kaum bis zum Monatsende. Ihre Mutter verkaufte selbst geflochtene Körbe auf dem Markt, und ihr Vater schnitzte bis weit in die Nacht hinein kleine Holzfiguren. Jetzt, wo María ihr eigenes Geld verdiente, wollte sie ihnen etwas zurückgeben.

Aber es war immer ein Kampf, ihrem in seinem Stolz gekränkten Vater Geld oder einen Korb Lebensmittel zu schenken. Er sagte selten etwas, sah nur kurz zu María und reckte sein Kinn nach vorn. Eine winzige Geste nur, doch Marías Mutter wusste, was sie zu tun hatte. Sie nahm das Päckchen, das María ihm entgegenhielt und brachte es in die Küche, wo er es nicht mehr sehen musste.

Vor einigen Wochen saß er auf der blassblauen Holzbank vor dem Haus und schnitzte an einem Holzstück. Er lebte in der Hoffnung, dass seiner Tochter ein besseres Leben vergönnt sei. Sie umarmte ihren Vater an jenem Abend so heftig, dass er sie erstaunt anblickte. Er erwiderte ihr Lächeln und obwohl sie es nicht sah, wusste sie, dass er später weinte.

***

Während María am Tresen wartete, um eine neue Bestellung von Ramón entgegenzunehmen, spürte sie plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter. Sie fuhr herum. »Mein Gott, Paulo, hast du mich erschreckt!«

»War nicht meine Absicht, schöne Frau!« Durch Paulos breites Grinsen wurde die riesige Lücke zwischen seinen Schneidezähnen sichtbar.

Paulo kam regelmäßig ins El Paraíso. Er saß immer am Tresen, nie an einem der Tische. Paulo war Mitte sechzig, dürr wie ein Laternenpfahl, und die wenigen, silbergrauen Haare hatten sich wie ein Lorbeerkranz um seinen Kopf gelegt. Er lebte nicht schlecht von seiner Pferdezucht und außerdem veranstaltete er jeden Sonntag ein Charreada an dem er auch hin und wieder selbst teilnahm. Wer ihn am Tresen sitzen sah, konnte sich kaum vorstellen, dass er mit weißem Rüschenhemd, enger, mit Silberknöpfen besetzter Hose und breit gekremptem Sombrero durch die Arena ritt.  

»Wie geht’s, María?«

»Nicht besonders, Paulo.« Sie wies mit einer kurzen Kopfbewegung in Hernández’ Richtung. »Einige meinen, sie könnten sich alles erlauben, nur weil sie die Taschen voller Geld haben!«

Er rieb sich nachdenklich das Kinn. »An deiner Stelle wäre ich trotzdem ein wenig freundlicher zu ihm. Der Typ ist im Moment verdammt schlecht drauf!«

»Woher kennst du ihn?«

»Ich glaube, es gibt keine Charreada im ganzen Land, an der er nicht schon teilgenommen hat! Er besitzt die besten Pferde, außer mir natürlich, hat die größte Klappe und die Frauen, die ihn begleiten, tragen die elegantesten Kostüme, aber gewonnen hat er noch nie! Ein Angeber, wie er im Buche steht!«

María schob Paulo sein Bier entgegen. »Du sagtest, dass er schlecht drauf ist. Was hast du damit gemeint?« Paulo runzelte die Stirn.

»Letzte Woche hat man zwei von seinen besten Pferden auf der Weide gefunden. Vergiftet! Irgendjemand wollte ihm wohl eins auswischen!«

»Wer tut so etwas?« fragte María.

Paulo hob die Schultern. »Jemand, der die Hernández-Brüder hasst! Und davon gibt es genug!«

»Er hat noch einen Bruder?«

»Ja, José. Sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen! Und sie können beide ziemlich jähzornig werden. Also nimm dich in Acht!«

María stieß einen verächtlichen Laut aus. »A mí, no me importa

»Es interessiert dich nicht? María, mit den Kerlen ist nicht zu spaßen!« Er trank sein Bier aus. »Es wird Zeit, dass ich mich auf den Heimweg mache.« Er steckte María ein paar Geldscheine in die Schürze. »Der Rest ist für die schöne Señora!« sagte er.

»Muchas gracias, Paulo.«

Als Paulo gegangen war, lehnte sich Ramón über den Tresen. »Ich störe dich nur ungern, aber die Gäste warten.«

María sah zu den Drinks, die Ramón vor ihr aufgereiht hatte und überflog die Zettel, auf denen die Tischnummern standen. Als sie den Cuba Libre für Hernández entdeckte, zuckte sie zusammen.

»Ramón?«

»?« Sie schob ihm stumm den Cuba Libre entgegen. Ramón nickte zögernd. »Okay, ich bringe ihm den Drink!«

»Danke, Ramón.« Im Spiegel hinter dem Tresen beobachtete María, wie Ramón zu Hernández an den Tisch ging. Sie sah, wie der Mann sich nach vorn beugte, ein paar Worte mit Ramón wechselte und sich dann wieder zurücklehnte.

»Was hat er gesagt?« fragte María.

»Nichts«, sagte Ramón. »Er hat sich bedankt. Mehr nicht!«

Als María einige Minuten später einen Blick in den Spiegel warf, sah sie, wie sich Hernández langsam erhob, sein Sakko locker über die Schultern legte und das Lokal verließ.

»¡Vete al diablo!« stieß sie so leise hervor, ohne das es jemand hören konnte. Ja, wenn es nach ihr ginge, könnte er sich zum Teufel scheren!

***

Es war kurz nach Mitternacht, als sich María auf den Heimweg machte. Sie ging zügig durch die enge Seitengasse, die das Zentrum mit dem äußeren Bezirk verband. Ein streunender Hund strich um ihre Beine. Er war bis auf die Knochen abgemagert. Am Wegrand stand ein Autowrack. Es war ausgebrannt und bis zum Dach mit Müll voll gestopft.

Wie in unzähligen Nächten zuvor, musste sie wieder an ihre Freundin aus Kindertagen denken. Conchitas Eltern waren Vagabunden, die durchs Land zogen, auf der Suche nach einem Platz. Sie hatten ihn am Rande des Dorfes gefunden, und bauten eine Hütte, um endlich sesshaft zu werden. Die Dorfbewohner mieden sie, und so traute sich María am Anfang nicht, Conchita anzusprechen. Schließlich fanden sie doch zueinander und verbrachten von da an jede freie Minute gemeinsam.

Als Conchita ihr vor zwei Jahren freudestrahlend erzählte, dass sie Arbeit in einer der Maquiladoras in Ciudad Juárez bekommen habe, wäre María ihr am liebsten gefolgt. Obwohl ihre Eltern sie und ihre zwei Brüder stets vor der Ausbeutung in diesen Exportfirmen gewarnt haben, hätte María sich am liebsten ihren Worten widersetzt. Wenn es ihrem Vater nur ein wenig besser gegangen wäre. Aber nach seinem Schlaganfall, fand er nur mühsam ins Leben zurück. Deshalb brachte es María nicht übers Herz, Conchita nach Ciudad Juárez zu folgen. Weil sie sich dann nur noch selten sahen, schrieben sie sich und telefonierten, so oft es ging. Doch von einem Tag auf den anderen war der Kontakt abgebrochen.

Kurz vor Conchitas Verschwinden sahen sie sich ein letztes Mal. Nie würde María das Gesicht ihrer Freundin vergessen. Es war hohlwangig und bleich. Sie erzählte von der Gewalt der Männer und den katastrophalen Verhältnissen, unter denen die Arbeiterinnen in den Fabriken litten. María flehte sie an, nicht mehr dorthin zurückzugehen, doch Conchita sagte nur: »Vor den Fabriktoren warten Dutzende von Frauen, die um Arbeit betteln! Sie würden alles tun, um meinen Platz am Fließband zu bekommen.« Conchita senkte den Blick zu Boden und flüsterte:

»No hay al, que por bien no venga!«

»Es gibt kein Übel ohne eine positive Seite«

María war den Tränen nahe. Das hatte auch ihr Vater gesagt, als er nach dem Schlaganfall wieder ins Leben zurückfand. Doch im Gegensatz zu ihrem Vater vergaß Conchita zu kämpfen. Sie ließ es mit sich geschehen, ohne sich zu wehren. Nur einmal gestand Conchita ihre Angst, weil sie immer als eine der letzten spät abends aus dem Bus steigen musste, da ihr Zimmer außerhalb der Stadt lag. Sie versprach María, sich so schnell wie möglich eine Wohnung in der Nähe der Fabrik zu suchen. »Möge Gott dich schützen, María«, hatte sie zum Abschied gesagt, dann verschwand sie - für immer.

María biss sich auf die Unterlippe, bis sie schmerzte. Conchita hatte ihr einmal am Telefon erzählt, dass viele in den Slums außerhalb der Stadt lebten und mit rot-weißen Bussen zu den Fabriken gebracht wurden, um für nicht einmal vier Dollar die Stunde an den Fließbändern zu stehen. Niemand scherte sich darum, wenn eine Arbeiterin nicht zum Dienst erschien. Die Opfer waren meistens junge Mädchen und Frauen mit großen, braunen Augen und langen Haaren. Und Conchita entsprach, wie María, genau diesem Typ. Suchtrupps, die vorwiegend aus Angehörigen und Freunden bestanden, streiften durch die Gegend, bis sie schließlich die in der Wüste verscharrte Leiche fanden.

Ein Zeitungsartikel, der es wagte, die schlampigen Ermittlungen der Polizei anzuprangern, endete mit einem Vers von José Alfredo Jiménez und seit jenem Tag gingen María diese Zeilen nicht mehr aus dem Sinn:

Nichts wert ist das Leben

das Leben ist nichts wert

es fängt immer weinend an

und weinend endet es

deshalb ist auf dieser Welt

das Leben nichts wert

***

Die Gasse mündete in einen menschenleeren Platz. María ging schnell über den sandigen, von Kieselsteinen durchsetzten, Boden. Die Miethäuser auf der gegenüberliegenden Seite sahen im fahlen Mondlicht wie viereckige, aneinander gereihte Container aus. Davor standen vereinzelt Steinbänke, manchmal überwuchert von Büschen und kargen Rosensträuchern. In diesen Teil der Stadt verirrten sich nur wenige. Nicht einmal ein Viertel der Wohnungen war bewohnt. Bis auf das Zentrum, in dem eine trügerische Heiterkeit herrschte, war es ein seelenloser Ort, in dem sich niemand um den anderen kümmerte.

Plötzlich tauchte eine schwarze Gestalt wie aus dem Nichts vor ihr auf. María erstarrte. Sie spürte eine kräftige Hand auf ihrem Mund, die sie, den anderen Arm um ihren Hals gepresst, in das Dornengestrüpp zerrte. Für einen kurzen Augenblick, spiegelte sich Hernández’ Siegelring im Mondlicht. Er warf sie mit einem Ruck zu Boden. Dornen bohrten sich wie Nadeln in ihre Haut. María wagte nicht zu atmen. An seinen Schläfen quollen dicke Adern gegen die Haut. Er schwitzte, sein Gesicht war eine feucht glänzende Grimasse.

Als er sich keuchend auf ihren Körper presste, schlug ihr der Geruch seines Atems ins Gesicht. In ihrer Benommenheit nahm sie kaum noch etwas wahr. ...



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