Leseprobe Superior
Sören Prescher

 

Prolog

»Was ich für dich fühle,
ja das ist was ich für dich fühle
ja das ist, was ich für dich fühle, ja das ist echt«

(Echt: »Fort von mir«)

 


 

Mein Name ist Michelle Doris Carda und ich bin sicher, Sie haben schon einmal von mir gehört. Das glauben Sie nicht? Doch, ich bin mir sogar sicher, dass Sie mein Gesicht sofort erkennen würden, wenn ich Ihnen ein Foto von mir zeigen würde. Sie müssen sich nur den schwarzen Balken über den Augen dazu denken. Vor einigen Jahren gab es eine Zeit, da war ich auf dem Titelbild jeder Zeitung. Eigentlich wollte ich nicht ins Licht der Öffentlichkeit und auf keinen Fall wollte ich das Thema für eine dicke Schlagzeile auf Seite Eins liefern. Ich habe es trotzdem getan.

Geben Sie zu, jetzt glauben Sie, meinen Namen schon einmal gehört zu haben. Ich war die durchgeknallte Frau, die Jonas Lindner, den Sänger der Popband Superior, ermordet hat. Aber bevor Sie diese Zeilen jetzt angewidert zur Seite legen, möchte ich Sie bitten, nicht allem Glauben zu schenken, was die Zeitungen über mich geschrieben haben. Für die Journalisten war ich eine blutrünstige Bestie. Dass dies nicht stimmt, möchte ich Ihnen beweisen.

Jahrelang habe ich mich geweigert, Interviews zu geben und habe hartnäckig jeden Reporter abgewiesen, der wissen wollte, weshalb ich die Taten begangen habe. Nun, nachdem sich der Presserummel gelegt hat, bin ich bereit zu sprechen. Ich werde versuchen, Ihnen die Gründe für meine Taten zu erklären. Dies soll nicht eine Entschuldigung sein. Ich möchte nur, dass Sie die Geschichte auch aus meiner Sicht kennen, bevor Sie sich ein Urteil über mich bilden.

Bitte nehmen Sie sich die Zeit, meine Geschichte zu lesen. Danach werden Sie vielleicht verstehen, weshalb ich die Dinge tat, für die ich dann verurteilt wurde.


 

Erster Teil:

Tanz in den Wolken

»Sun won’t shine when you‘re not here
And the sky is always grey
You’re a shining light
I need you every day«

(Superior: »Every day«)


 

Vor sieben Jahren traf ich Jonas das erste Mal, in der Kölner Diskothek namens Lady Madonna. Das war zu einer Zeit, als Popmusiker noch nicht im Fernsehen gezüchtet wurden. Die Bee Gees waren bereits in Vergessenheit geraten, aber dafür noch zu dritt. Und Robbie Williams hatte es sich auf dem Popthron bereits gemütlich gemacht. Ich war damals ein siebzehnjähriges schüchternes Mädchen. Jonas war fast ein Jahr älter. Dass er einmal der Frontsänger einer Boygroup werden würde, ahnte noch niemand.

Die Disco war gut besucht. Neonscheinwerfer zuckten über den Köpfen und aus den Lautsprechern pochten dumpfe Basstöne. Sie müssen wissen, dass ich schon damals kein großer Fan von Diskotheken war. Für mich ist dort alles zu laut und zu hektisch.

Widerwillig folgte ich meiner Freundin Julia auf die Tanzfläche. Ich schätze, in meinem schwarzen Top mit dem tiefen Ausschnitt und den knallengen Jeans war ich ein Blickfang für die Jungen, aber mehr als Schauen war nicht erlaubt. Den ersten Schritt würde ich sowieso nie tun. Den meisten Jungen schien das Glotzen zu genügen. Zweifellos genoss ich ihre Blicke. Doch sie interessierten mich nicht weiter, bis zu dem Augenblick, in dem ich Jonas sah.

Er stand abseits der Tanzfläche und unterhielt sich mit Freunden. Mir fiel sofort auf, wie attraktiv er war. Ich war nicht die Einzige, die das bemerkte. In seiner Nähe standen eine Handvoll Mädchen, eine hübscher als die andere. Alle starrten sehnsüchtig zu ihm hinüber. Er schien diese Blicke nicht zu bemerken. Julia bemerkte, wohin ich schaute.

»Sieht richtig schnuckelig aus, der Typ«, brüllte sie in mein Ohr. »Den würde ich auch nicht von der Bettkante stoßen.«

»Ich weiß gar nicht, was du meinst«, erwiderte ich.

»Das kannst du jemand anderem weismachen. Warum gehst du nicht hin und sprichst ihn an?«

»Bist du verrückt? Eher sterbe ich.«

»So schlimm wird es schon nicht werden.«

»Ich will trotzdem nicht.«

»Wie du meinst.«

Auch diesmal hatte ich Julia nicht die Wahrheit gesagt. Ich wollte den Jungen ansprechen, ihn berühren, ihm über das Gesicht streichen und hoffen, dass er mich fragte, ob wir nicht woanders hingehen sollten. Das Problem war, dass ich zu viel Angst hatte. So viele hübsche Mädels standen um ihn herum, er beachtete keine von ihnen. Warum sollte es bei mir anders sein?

Ich trieb mich noch eine Weile auf der Tanzfläche herum. Links von mir schwang ein Junge mit einem gewaltigen Überbiss seine Hüften, als wäre er Ricky Martin und John Travolta in einer Person. Ich blickte zu dem Tisch, wo Jonas und seine Freunde gewesen waren. Der Tisch war leer und dieser Anblick gab mir den Rest. Ich versuchte, Julia in dem Getümmel zu entdecken, um ihr zu sagen, dass ich gehen wollte. Ich entdeckte sie nirgends. Statt meiner Freundin näherte sich mir der pubertierende Mr. Ed-Verschnitt und wurde aufdringlich. Ich flüchtete von der Tanzfläche und versuchte in der Menschenmasse unterzutauchen. Dabei hatte ich Mühe, vorwärts zu kommen.

Ich trat einer Blondine auf die Füße, ein anderes Mal konnte ich gerade noch ausweichen. Während ich zurück blickte, prallte ich gegen jemanden und spürte, wie sich etwas sehr Kaltes auf meiner Brust verteilte. Erschrocken blickte ich mich um und glaubte ohnmächtig zu werden. Ein Wunder war geschehen. Ich hatte nicht irgendjemanden angerempelt, sondern den gut aussehenden Jungen, der mir vorhin aufgefallen war.

»Tut mir leid«, stotterte ich.

»Es war meine Schuld«, hörte ich seine ruhige Stimme. Das Gefühl einer drohenden Ohnmacht verschwand. Nun war meine Kehle auf einmal zugeschnürt. Ich wollte etwas erwidern, doch mir gelang nur ein hilfloses Gestammel. Der Junge ließ sich zum Glück nicht abschrecken.

»Sorry, hätte ich besser aufgepasst, wäre das nicht passiert.«

Das war unglaublich. Ich hatte ihn voller Wucht gerammt und er entschuldigte sich bei mir. In diesem Moment wusste ich, ich hatte mich verknallt. Ich zögerte keine Sekunde, als er mich fragte, ob wir nicht an einen anderen Ort gehen sollten. Meine Stimme hatte ich inzwischen wieder gefunden. Weiche Knie bekam ich immer noch, wenn ich ihn nur ansah.

»Ich bin Jonas«, stellte er sich vor.

»Und ich Michelle.«

»Michelle«, murmelte er und sagte meinen Namen, wie es noch nie jemand getan hatte. Wir setzten uns an einen kleinen Tisch und Jonas lud mich auf ein Getränk ein. Wir unterhielten uns über die Schule, über Musik und ich erfuhr, dass Jonas, obwohl die Chance meiner Meinung nach, etwa bei einer Milliarde zu Eins liegen musste, ebenfalls solo war. Mein Herz machte Freudensprünge. Ich war der glücklichste Mensch auf diesem Planeten. Als wir uns verabschiedeten, fühlte ich mich wie im siebten Himmel. Ich wusste, dass wir uns wieder sehen würden. Gleich für den nächsten Tag, hatten wir uns zu einem Kinoversuch verabredet. Ich schaute Jonas hinterher, bis er verschwunden war. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits Hals über Kopf in Jonas verschossen.

 

 

2

 

Die letzten beiden Stunden vor dem Kinobesuch waren die aufregendsten meines bisherigen Lebens. Meine Mutter sah mich kopfschüttelnd an, als ich die Frühstücksmilch auf den Spülschwamm anstatt in die Tasse goss. Sie brauchte nichts zu sagen, ich wusste, dass ich mich wie ein Schwachkopf verhielt. Aber, immerhin hatte ich an diesem Nachmittag mein erstes richtiges Rendezvous. Klar hatte ich auch vorher schon Dates, aber keines davon war es wert, an dieser Stelle erwähnt zu werden. In meinem Kopf malte ich mir aus, wie mich Jonas vor dem Kino küssen würde. Schon die bloße Vorstellung verursachte mir ein Kribbeln in der Magengegend.

Ich erreichte das Kino zehn Minuten vor der verabredeten Zeit. Jonas war schon da. Geküsst hat er mich leider nicht. Außer einem kurzen »Hi« brachte er nichts heraus. Aber auch ich war auf einmal wortkarg und brachte nur ein kurzes »Hi« heraus. Dann hatte ich Gelegenheit, Jonas genauer zu betrachten. Im Lady Madonna war es zu düster gewesen. Ich war nicht enttäuscht. Mein Traumprinz hatte seidig braunes Haar, und strahlte mich aus grünen Augen frech an. »Er könnte ein Model sein«, dachte ich.

Der Film, den wir uns ansahen, war nicht überwältigend. Aber deswegen war ich ja nicht hier. Dass Jonas neben mir saß, war Grund genug. Mit ihm hätte ich mir sogar ein Wim-Wenders-Epos angeschaut. Nach ungefähr zwanzig Minuten platter Filmgags, berührten sich unsere Hände. Wenig später hielten wir uns fest und ich fühlte, dass wir ein Paar werden konnten. Beim Verlassen des Kinos bemerkte Jonas, dass der Film kein Bringer war. Ich nickte. Jonas fragte mich, ob ich noch mit in ein Café kommen würde. Selbstverständlich sagte ich zu. Ich wäre ihm im Bikini an den Nordpol gefolgt. Wir ließen uns in der Nähe des Kinos in einem gemütlichen Café namens Sadie’s nieder.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich fast allen Orten in meinem Bericht andere Namen gegeben habe. Jedem, der in Köln wohnt, dürfte dies mittlerweile aufgefallen sein, denn meines Wissens gibt es dort weder eine Diskothek namens Lady Madonna, noch ein Café mit Namen Sadie’s. Die Änderungen haben einen Grund. Obwohl der Jonas Lindner-Fall schon längere Zeit zurückliegt, bekomme ich noch immer zwei verschiedene Arten von Briefen. Solche, die mich als skrupellose Verbrecherin beschimpfen und bedrohen. Und die anderen, in denen ich als Heldin bejubelt werde. Letzteres bin ich nicht, auch wenn ich mich in der Vergangenheit gelegentlich so gefühlt habe. Aber darauf komme ich später zurück.

Im Sadie’s gönnten wir uns einen gewaltigen Eisbecher, den wir nicht einmal zur Hälfte leerten.

»Du bist süß, wenn du lächelst«, sagte Jonas.

Verlegen schaute ich ihn an, während ich den Eisbecher in die Mitte des Tisches schob. Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte.

»Ich musste heute sehr oft an dich denken«.

»Ging mir genauso«, flüsterte ich. Du hättest mich heute Mittag erleben sollen.«

»Das hätte ich gern.«

»Ich habe sogar versucht, einen Schwamm mit Milch zu ertränken.«

»Und ich habe vor Aufregung mein T-Shirt falsch herum angezogen.«

Danach lachten wir. Ich war erstaunt, wie unbefangen ich mit ihm reden konnte. Normalerweise brauche ich viel Zeit, um mich an jemanden zu gewöhnen. Wir redeten über Gott und die Welt und bald kam es auch zu einem ersten Kuss. Wir beugten uns gerade über den Tisch, um ein verrücktes Pärchen am Nachbartisch zu beobachten. Plötzlich blickten wir uns an. Unsere Nasen berührten sich, ich neigte den Kopf, dann spürte ich seine Lippen. Danach stand mein Herz in Flammen.

»Wow«, flüsterte ich und konnte meinen Blick nicht von Jonas wenden. Minutenlang saßen wir da und blickten uns an.

Als wir eine Stunde und drei weitere Küsse später das Café verließen, gingen wir Hand in Hand. Ich fühlte mich glücklich, geborgen und aufgehoben. Ich wusste, dass er der Richtige war.

Jonas begleitete mich bis vor die Haustür. Wir sprachen nicht viel. Wir waren ohne Worte glücklich. Außerdem kam es mir vor, als würde ich ohnehin jeden seiner Gedanken kennen. Von mir aus hätte der Heimweg noch stundenlang dauern können. Zur Verabschiedung bekam ich von Jonas endlich den Kuss, von dem ich schon am Nachmittag geträumt hatte. Und als er endete, fügte ich einen weiteren hinzu. Danach wieder er und dann wieder ich. Dann ging ich ins Haus, eilte so schnell ich konnte zu meinem Zimmerfenster, um Jonas auf seinem Rückweg zu beobachten. Erst als er um eine Hausecke verschwunden war, ließ ich mich aufs Bett fallen. In Gedanken malte ich mir bereits aus, wie ich Julia später die Verabredung erzählen würde. Und es gab sehr viel zu erzählen. ...

 

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Superior
Sören Prescher
ISBN 978-3-9810329-9-4
€   8,00

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